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Ritalin verschreiben ohne einschlägige Erfahrung?

Dr. ...
Dr. ...
FA für Allgemeine Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Durchschnittliche Bewertung des Beitrags:


Ritalin verschreiben ohne einschlägige Erfahrung?

Liebe Kollegen,
ich hatte kürzlich einen Patienten aus dem Ausland. Ein junger, intelligenter Programmierer ( 28 Jahre alt) aus Brasilien. Nun stellte er sich bei mir vor aufgrund massiver Konzentrationsschwierigkeiten. Der Patient berichtete, aufgrund der Unkonzentriertheit seine Arbeit (Freelance für verschiedene internationale Firmen) nicht erledigen zu können.

Probleme: er hatte keine Versicherung in Deutschland, lebt aber hier mit Visum
Er wollte unbedingt Ritalin verschrieben bekommen.

Ich habe zunächst einmal abgelehnt, da ich keinen Schwerpunkt in ADS habe und deshalb keine Erfahrung. Jedoch machte mich die Situation schon unzufrieden, da er berichtete auch bei anderen Ärzten keine Hilfe bekommen zu haben.

Wie würden Sie handeln?

Diskussion

6 Ärzte beteiligen sich an dieser Diskussion, 66 Ärzte verfolgen diese Diskussion
1 von 2 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Kinder- und Jugendmedizin

Ich würde ihm Ritalin nicht verschreiben! Mit 28 Jahren sollte er
seine Konzentrationsprobleme schon ohne pharmakologische Hilfe in den Griff
bekommen. Angeblich soll MPH bei Studenten hoch im Kurs stehen um kurz
vor dem Examen nochmal richtig "ranklotzen" zu können. Zu meiner Zeit tat's
noch Kaffee. Und zu guter Letzt: im Leistungssport nennt man das Doping.

Dr. ...Dr. ...
FA für Kinder- und Jugendmedizin

Letztlich entscheiden wir, trotz Leitlinien, in dem sehr breiten Bereich der Grauzone
sehr subjektiv. So wird man uns, je nach Standpunkt, vorwerfen daß wir
von einem Pharmakon zuviel oder zuwenig verschreiben. Denken sie nur wie uns die
Medien den MPH-Verbrauch vorhalten,was bei 2-stelligen Zuwachsraten vielleicht
auch kein Wunder ist. Ich versuche also den Indikationsrahmen sehr eng zu halten,als
Leitsymptom gilt dann für mich die Störung des Sozialverhaltens. Ich sehe aber auch
konzentrationsgestörte Schüler deren Noten unter MPH rasant besser werden, denen
ich dann MPH verschreibe, in der Hoffnung einen kurzen Zeitraum zu überbrücken
"bis der Knoten platzt."

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeine Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Ich stimme Ihnen wohl zu mit Ihren Einwänden. Mir ist auch der Mißbrauch vor Examina oder dem Abitur o.ä. bekannt und den würde ich nicht unterstützen. Aber hierum ging es dem Patienten nicht. Zumindest von meinem kurzen Eindruck her. Aber natürlich ist das eine subjektive Einschätzung und ich habe ja letztlich auch so entschieden.

Was aber, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist - wir verabreichen Antidepressiva bei Patienten, da könnte man auch sagen: ein bißchen frische Luft, Sonne , vielleicht eine Scheidung(;)) und sie bräuchten die Medikamente nicht - um mal drastisch zu sein. Da machen wir uns jedoch keine derartigen Sorgen.
Mfg

2 von 2 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Innere Medizin

Ich hab 1x so ein Rp aus Gefälligkeit ausgestellt bei einem Privat-Pt der neu bei uns war. Würde das aber nicht wieder machen - der brauchte das auch nur, um härter arbeiten zu können... Schliesse mich also der Meinung "doping!" oder (abgeschwächt:) life-style Medikation an!
Bei den vielfach von Senioren eingeforderten Benzos zum Schlafen liegt die Nutzen-Schaden-Abwägung wohl anders.
MfG

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeine Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Sehr geehrte Kollegen,
ich denke Sie haben Recht und ich bin letztlich froh ihm das Medikament nicht verschrieben zu haben. Ihre Beiträge haben mich in meiner Entscheidung bestärkt. Vielen Dank.

Dr. ...Dr. ...
FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie

Ich glaube auch, dass Methylphenidat keine Lösung für das Problem des Brasilianers ist. Spricht er Deutsch? Konzentrationsprobleme können viele psychologische Ursachen haben.
Evtl. wäre hier eine entsprechende Beratung, ggf. auch eine Psychotherapie (ohne Versicherung natürlich schwierig) sinnvoll. Aber es geht ja darum, zunächst einmal den Rahmen abzustecken und das Problem einzugrenzen.

Dr. ...Dr. ...
Kardiologie, Pulmologie

...dem vorergehenden Beitrag stimme ich zu. Eine Psychotherapie wäre bestimmt das Richtige. Ich denke der junge Mann will eben seine Probleme "auf dem schnellen Wege" lösen. Die medikamentöse Variante ist hier sicherlich nicht die Methode der Wahl.

1 von 3 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Orthopädie und Unfallchirurgie

Was ich nicht ganz nachvollziehen kann ist die Frage, ob eine Anamnese bzw Diagnostik eine ADHS-Symptomatik bestätigt oder nicht.

Die subjektive Meinung der hier versammelten Kollegen in allen Ehren, aber ich finde sie erschreckend für Ärzte, die möglicherweise ADHS-Kinder betreuen. Selbstredend ist Methylphenidat nicht DIE Lösung für alle Probleme im Bereich Konzentration und ich sehe täglich in der Klinik auch (aber eben nicht nur) junge Menschen, die sich falsche Dinge von MPH versprechen.

Hinweise für ADHS (und in diesem Fall dann nicht kulturelle Brüche bzw. Sprachprobleme) sind eine lebenslange Andersartigkeit im Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung bzw verstärkte Ablenbarkeit und die doch sehr typischen Besonderheiten der emotionalen Steuerung (Aufmerksamkeit nur bei subjektiv positiver Voraktivierung durch eine Person bzw. Aufgabe). Es gibt genug Screening-Listen (ASRS oder eben ausführlichere) bzw. dann Fragebögen (notfalls eben HASE = Homburger Inventar), die die Fragestellung und Differentialdiagnostik beleuchten.

Eine Psychotherapie ist bei ADHS-Erwachsenen für die Grundproblematik völlig sinnlos und häufig sogar kontraindiziert (kann aber für die Bearbeitung von Interaktions- und Selbstwertproblemen in der Folge der lebenslangen Symptomatik sehr nütztlich sein). Es ist aus meiner Sicht nicht mit verantwortungsvollem ärztlichen Handeln zu vereinbaren, ohne Diagnostik eine Therapieempfehlung zu geben und zu behaupten, dass Konzentrationsprobleme psychologische Ursachen haben. Geben
Sie einem Kurzsichtigen auch den Rat zum Psychoanalytiker zu gehen und die Ursachen seiner Myopie zu ergründen ?

Eine ganz andere Frage ist es natürlich, ob er eine Diagostik und Behandlung machen WILL bzw. KANN und ob man als Arzt diese Diagnostik anbieten will oder kann (insbesondere auch vor dem Hintergrund des Aufwandes, der geringen Entlohnung etc). Ich glaube aber, dass die notwendigen Fragen in der Anamnese und notfalls eben ein diagnostisches Interview von JEDEM Kollegen mit hausärztlicher Grundtätigkeit geleistet werden kann, wenn er den entsprechenden Artikel im Deutschen Ärzteblatt zu ADHS im Erwachsenenalter gelesen hat. Von Kollegen im nervenheilkundlichen Fachgebiet würde ich es erwarten, dass sie es können....

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Informationen zum Beitrag

Dem Beitrag wurden folgende Fachgebiete zugeordnet:
Allgemeinmedizin, Neurologie, Allgemeine Kinder- und Jugendmedizin, Allgemeine Psychiatrie

Dem Beitrag wurden folgende Schlagwörter zugeordnet:
Ritalin, ADS

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letzte Änderung: 3.9.2010 12:39